Ein paar Gedanken zu meinen Landschaftsskulpturen

 

Die Unnahbarkeit der Ferne

 

Schon als Kind habe ich aus dem Küchenfenster unseres Hauses am Rande eines kleinen Dorfes in Oberfranken geschaut und den weit entfernten Wald betrachtet. Auch bei Spaziergängen mit meiner Mutter oder meinem Vater waren es immer weit entfernte Orte oder sich in der Ferne verlaufenden Linien der Feldbegrenzungen, die mich immer weiter laufen ließen. Je näher ich der Ferne zu kommen glaubte, desto mehr hat sie sich aber entzogen. Es ist eben unmöglich der Ferne näher zu kommen. Dass die Ferne sich aber in Nähe verwandeln kann, und der Wald, den ich in der Ferne gesehen hatte, derselbe Wald ist, wenn ich mich ihm genähert habe, war nie in meinem Bewusstsein. Mich hat immer nur die Ferne interessiert. Das ist bis heute so und bestimmt mein Leben bis in den Alltag hinein. Zwar habe ich als kleines Mädchen als erste Erinnerung, dass ich die beiden einander nahestehenden Birken hinter unserem Haus gezeichnet habe und mir die Rinde des Stammes und den Verlauf der Äste genau betrachtet habe, auch Pflanzen auf 

unserer Wiese habe ich genau studiert und dann gezeichnet, aber immer wieder zog mich der Blick schnell zurück in die Ferne. So zeigen meine Landschaftsskulpturen durchwegs weit entfernte Landschaften. Auch mein Blick von oben auf die Landschaft war immer schon ein weit entfernter, und das lange Zeit bevor es google earth gab, das jedem heute nur mit einem Klick, schon ganz selbstverständlich und vertraut, den Blick von oben zeigt. Früher waren es allenfalls Anhöhen, von denen man auf die Landschaft schauen konnte. Auch der Blick aus dem Flugzeug auf die Landschaft, den es natürlich inzwischen schon lange gibt, war nicht maßgebend für mich. Wenn, dann war es immer der Blick vom Boden aus, etwa von einer Anhöhe aus, der mir die Landschaft von oben gezeigt hat. Und auch solche Draufsichten auf die Landschaft sind aber immer weit weg. 

Meinen Landschaften kann man nicht zu nahe kommen.


Landschaftsstücke

Landschaft an sich gibt es nicht, sie ist ein gedankliches Konstrukt. Wir begrenzen und kategorisieren, was wir draussen in der Natur sehen und machen daraus etwa eine Hügellandschaft oder eine Hochgebirgslandschaft. Damit suchen wir einen Aspekt heraus, eine bestimmte Formation, eine besondere Charakteristik, die wir in den Blick nehmen.
Wir treffen eine Festlegung, welchen Ausschnitt wir wählen und zur „Landschaft“ machen. Erst in der Eingrenzung wird sie für uns fassbar. In der Kunst wird Landschaft als Landschaftsgemälde ins Zweidimensionale abstrahiert und durch die Bildgrenze und das Format des Rahmens bestimmt. Landschaft als Skulptur hingegen ist näher an der Realität, weil sie im Räumlichen bleibt, und hier muss die Grenze der Skulptur dann auch räumlich entschieden werden. Lange Zeit waren meine Landschaften streng begrenzt und wie mit einem riesigen Spaten als rechteckiges „Landschaftsstück“ herausgeschnitten.
Später habe ich diese, mir auch dann als fast etwas gewalttätig empfundene Ausschnittweise verlassen und die Stücke sind nun eher wie herausgebrochen und zeigen auch die in die Tiefe gehende Struktur der Landschaft. Wie der Geologe sozusagen, gehen die Skulpturen jetzt auch ins Innere der Landschaft.


Erdenschwere und Leichtigkeit

Meine Landschaftsstücke haben sehr unterschiedliche Abmasse: von ganz klein, fast winzig, bis ganz gross, fast Kubikmetergrösse. Die grossen wirken auf den ersten Blick erdenschwer, ihrem Vorbild in der Natur entsprechend. Sie sind aber, ganz im Gegenteil, irritierend leicht. Selbst die kubikmetergrossen Landschaftsstücke kann ich problemlos hochheben. Dies verdanken sie dem von mir nicht grundlos gewähltem Material: einem feinporigem, extrem leichtem Kunstharzschaum. Meine kleinen Arbeiten können sogar schon durch ein Windhauch weggetragen werden. Das fordert vom Betrachter einen sehr sorgfältigen Umgang mit den Arbeiten. Aber nicht nur ihre Leichtigkeit, sondern auch ihre Berührungsempfindlichkeit sind eine Herausforderung für den Betrachter. Hat man doch gerade bei Skulpturen fast automatisch den Wunsch sie zu berühren und ihre Oberfläche abzutasten. Hier würde schon jede kleine Berührung, selbst ein leichtes Streifen über die Oberfläche, sie verletzen.Deshalb sind die Arbeiten meist mit Plexiglashauben geschützt. 
So machen nicht nur die Leichtigkeit meiner Landschaftsskulpturen, sondern auch ihre Berührungsempfindlichkeit, sie zu sehr empfindlichen Objekten, die vom Betrachter Zurückhaltung und eine besondere Achtsamkeit verlangen. 


Sigrid Carl

Solothurn_Text